Elena Pantaleoni

Elena Pantaleoni

Die Kunst, einem Ort zuzuhören

In meiner Reihe „Bemerkenswerte Weinfrauen“, beginnend mit Pravis-Power und den Schwestern Giulia und Erika Pedrini, über Kathrin Puff, Önologin bei Kloster Eberbach, bis zum südfranzösischen Trio Catherine Huguenin, Élodie Gassiolle und Estelle Roy, wende ich mich nun Elena Pantaleoni zu.

Es gibt Winzerinnen, die ein Gut „neu erfinden“. Elena Pantaleoni ist noch etwas Schwierigeres gelungen: Sie hat La Stoppa wieder so klingen lassen, wie dieser Ort von sich aus spricht. Dass sie seit Herbst 2025 international neu markiert wird – Bvlgari Hotels & Resorts führt La Stoppa auf einer dauerhaften Karte mit 22 italienischen Winzerinnen („Le Donne Eroiche del Vino Biologico“) –, ist nur der äußere Anlass für ein Porträt. Der innere Grund: Pantaleonis Wein ist Kultur und Ethik, nicht Pose.

Als Elena Pantaleoni Anfang der 1990er Jahre an die Aufgabe herangeführt wurde, La Stoppa zu leiten, ging es ihr nie um den großen „Neustart“ mit persönlicher Handschrift um jeden Preis. Eher um das Gegenteil: um das stille Talent, einen Ort ernst zu nehmen, bevor man ihn erklärt. La Stoppa liegt in den Colli Piacentini bei Rivergaro, im Trebbiola-Tal nahe der Trebbia. Das historische Gut, dessen Wurzeln bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen, wurde lange Zeit eher vom Namen als von einer zeitgemäßen Vision getragen.

Pantaleoni spricht (und arbeitet) wie jemand, der sich nicht als Erfinderin versteht, sondern als Hüterin. Zum Besitz gehören rund 58 Hektar – nur etwa 30 Hektar sind Reben, der Rest Wald und Naturfläche. Dieses Verhältnis ist kein Zufall, sondern Teil ihrer Logik: Wein entsteht nicht im Vakuum, sondern in einer Landschaft, die mehr ist als Produktionsfläche.

Wo die Reben zuhause sind

Folgerichtig und zielstrebig wurde eine Entscheidung getroffen, die in den 1990er Jahren für viele Betriebe unbequem war: weg vom Reflex, international „anschlussfähig“ zu schmecken, hin zu Rebsorten, die hier heimisch sind. La Stoppa setzt seither stark auf Barbera und Bonarda/Croatina beim Roten sowie auf lokale Weißweinreben wie Malvasia di Candia Aromatica und Ortrugo. Das ist kein Traditionskitsch, sondern Identitätspolitik im besten Sinn: Ein Wein soll nicht beweisen, dass er überall auf der Welt entstehen könnte, sondern dass er genau hier entstehen muss.

Ökologischer Landbau ist bei Pantaleoni keine Imagefolie, sondern Mindeststandard. La Stoppa arbeitet biologisch und verweist selbst auf die Zertifizierung. In Interviews wird deutlich, dass die Umstellung als praktischer Weg schon früh begonnen hat. Entscheidend ist die Denkweise dahinter: Respekt vor dem Bodenleben ist hier untrennbar mit Respekt vor den Menschen verbunden, die diese Arbeit tragen. Es ist Pantaleonis Ethik, die sich nicht im Etikett erschöpft.

Aus all dem folgt im Keller eine Handschrift, die nicht „laut“ sein will: spontane Vergärung, Zeit, Geduld und — typisch La Stoppa —selbstbewusster Umgang mit Maischestandzeiten, der Textur und Tiefe vor vordergründige Aromensüße stellt. Wer verstehen will, wie Pantaleoni Wein denkt, muss nicht aufs Etikett starren, sondern ins Portfolio schauen: Macchiona wird aus Barbera und Bonarda je zur Hälfte gemacht und reift mit rund 40 Tagen Maischestandzeit zu einem Rotwein, der nicht geschniegelt sein will, sondern wahrhaftig. Trebbiolo (Barbera/Bonarda) arbeitet mit kürzerer Mazeration (ca. 20 Tage) und zeigt die Frucht straffer, wacher. Und Ageno, benannt nach dem Gründer, ist der weiße Signaturwein des Hauses – 100% Malvasia di Candia Aromatica, vier Monate auf den Schalen, getragen von Struktur und jener Geduld, dass ein Weißwein durchaus über lange Mazeration und Struktur erzählen darf – wenn er das Terroir in sich trägt.

Kein Trend, sondern Konsequenz

Dass Elena Pantaleoni heute zu den einflussreichen Stimmen der italienischen Weinszene zählt, hat auch mit einem Wandel zu tun, den sie selbst beschreibt: Frauen treten sichtbarer auf, und das nicht als „Variante“ in einer Männerdomäne, sondern als prägende Autorinnen eigener Stilistik. Bei ihr klingt das nicht nach Parole, sondern vermittelt Praxis: zuhören können, präzise beobachten, geduldig bleiben und Entscheidungen treffen, die zur Identität des Landes passen. Genau darin liegt die Modernität von La Stoppa: nicht im Trend, sondern in der Konsequenz.

Kurzfakten:

• La Stoppa, Colli Piacentini (Rivergaro/Val Trebbiola), historisches Gut seit Ende 19. Jh.
• 58 ha Gesamtfläche, ca. 30 ha Reben, großer Anteil Wald/Natur
• Bio-zertifizierte Bewirtschaftung, Fokus Handarbeit und niedrige Intervention
• Schlüsselweine: Ageno (mazerierter Weißwein), Macchiona und Trebbiolo (Barbera/Bonarda)

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Fotocredit: Elena Pantaleoni/La Stoppa

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Seit 2000 bin ich mit dem Weinthema und der Weinszene verbunden. Ich agiere als Verleger, publiziere redaktionelle Beiträge und produziere Print- und digitale Weinmedien.