Die Komponistin der Provence-Weine
Wenn Catherine Huguenin heute über die Kellereien von Estandon Vignerons in Brignoles blickt, liegt ihr eine Welt von Aromen, Texturen und Farben zu Füßen. Seit mehr als 25 Jahren ist sie hier Maître de Chai – Kellermeisterin eines der größten Erzeuger der Provence, verantwortlich für jährlich rund 20 Millionen Flaschen. Was nach nüchterner Mengenproduktion klingt, ist in Wahrheit eine Arbeit von filigraner Präzision: Wie ein Parfümeur an seiner Duftorgel komponiert Huguenin aus fast 300 Tanks jene Cuvées, die die Vielfalt und Eleganz der Provence in die Flasche bringen.
Dabei war der Weg in den Keller alles andere als vorgezeichnet. Nach einem Studium der Bildenden Künste in Cherbourg entdeckte sie durch Zufall die Welt des Weins – ein von der Stadt Bobiny organisierter Einführungskurs in Önologie wurde für sie zum Schlüsselerlebnis. „Es war wie ein Blitzschlag. Ich wusste sofort: Das ist es!“, erinnert sich Huguenin. Mit 26 Jahren wagte sie den Neuanfang, absolvierte einen BTS (Brevet de technicien supérieur = französisches, praxisorientiertes Höheres Fachdiplom) in Weinbau und Önologie in Tournon und sammelte Praxis auf der Domaine de Triennes. Mathematik und Chemie waren für die Künstlerin eine Herausforderung, doch sie kämpfte sich durch und fand im Wein ihre Berufung.
Nach Stationen bei der Domaine de l’Aumérade kam sie zum Institut Coopératif du Vin (ICV) in Brignoles – und wenig später zur damaligen Uvivar, der Vorgängerin von Estandon. Aus einer Vertretung wurde 1997 die feste Anstellung als Kellermeisterin. Sie leitete zunächst ein kleines, rein männliches Team, gewann aber rasch Respekt durch Kompetenz, Ausdauer und sensorische Sensibilität. Heute führt sie zehn Mitarbeitende und gestaltet mit ihnen ein Portfolio, das die Provence repräsentiert wie kaum ein anderes.
Besonderen Stellenwert haben für Huguenin die Rosés, das Aushängeschild der Region. Estandon gilt als einer der größten Rosé-Erzeuger Frankreichs, doch die Menge ist nur die eine Seite der Medaille. „Eine Assemblage ist nie Routine“, betont Huguenin. „Jeder Jahrgang ist anders, und die Kunst besteht darin, aus diesen Unterschieden Harmonie zu schaffen.“
In den vergangenen Jahren hat sie das Profil von Estandon weiter geschärft – mit ökologischen Projekten, Bio-Cuvées und Experimenten wie dem „Vin Nu“, einem ohne Sulfite vinifizierten Wein. Auch „Terres de Saint Louis“, ein Rosé ohne Pestizide, trägt ihre Handschrift. So verbindet sie das reiche Erbe der Genossenschaft mit neuen Wegen, die den Erwartungen einer wachsenden, anspruchsvollen Konsumentenschaft gerecht werden.
Ihre Leidenschaft für den Beruf ist ungebrochen. „Ich liebe die sensorische Arbeit der Assemblage“, sagt sie. „Es ist jedes Mal eine Entdeckung, denn auch wenn sich vieles wiederholt, bleibt doch kein Jahrgang gleich.“ Für Huguenin ist Wein nicht nur Handwerk, sondern ein fortwährendes Lernen über die Natur, über die Menschen, mit denen sie arbeitet, und über sich selbst.
So ist Catherine Huguenin heute weit mehr als die erste Frau in der Geschichte von Estandon, die als Kellermeisterin Verantwortung übernahm. Sie ist die Dirigentin eines großen Orchesters, das die Stimmen von hunderten Winzern und Terroirs zu einem vielschichtigen Gesamtklang vereint und diesem eine unverwechselbare, feminine Note verleiht.
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Fotocredit: Catherine Huguenin, Estandon Vignerons