Russische Winzer der neuen Welle

Russische Winzer der neuen Welle

Es hat sich viel getan

Die Geschichte des Weinbaus in Russland ist lang. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte er sich vor allem auf der Krim und im Süden, später in der Region Krasnodar. In der Sowjetunion zählten Menge und niedrige Preise. Die Antialkoholkampagne von 1985 zerstörte tausende Hektar Weinberge – ein Bruch, dessen Folgen lange spürbar blieben.

Nach der Perestroika entdeckten Russinnen und Russen auf ihren Reisen die Weine Europas und der Neuen Welt. Importflaschen dominierten die Regale, russische Weine galten als zweitklassig. Erst ab etwa 2010 entstand eine neue Generation von Betrieben, die konsequent auf Qualität, Terroir und eigene Stile setzt. Sie konzentriert sich klimatisch bedingt auf den Süden: Region Krasnodar, Krim, Rostow.

Die Schwarzmeerküste von Krasnodar ist heute touristisches Aushängeschild und führendes Weinbaugebiet zugleich. Nahezu die Hälfte der russischen Weinproduktion stammt von hier, dazu ein großer Teil der Schaumweine. Sonne, vielfältige Böden und engagierte Winzerinnen und Winzer der „neuen Welle“ bilden die Basis für Weine, die zunehmend internationale Aufmerksamkeit gewinnen.

Château de Talu

In Gelendzhik steht mit Château de Talu eines der bekanntesten Güter der Region. 2005 gegründet, mit Reben aus Frankreich bestockt und vom französischen Önologen Frank Duseigneur geprägt, bewirtschaftet es über 180 Hektar nachhaltig. Cabernet Sauvignon spielt die Hauptrolle, ergänzt von Merlot, Syrah, Chardonnay, Sauvignon Blanc sowie lokalen Sorten wie Krasnostop und Saperavi. Schlossarchitektur, Restaurant, Verkostungsräume und die Premium-Linie „Südliche Vertikale“ machen Château de Talu zu einem Symbol moderner Weinkultur und des neuen Weintourismus.

Sikory

Noch stärker auf den Punkt gebracht zeigt das Familienweingut „Sikory“, wie ambitioniert russischer Wein heute sein kann. Das markante Gebäude mit Panoramafenstern und Gravitationskeller wurde von The World’s Best Vineyards unter die 100 besten Weingüter der Welt gewählt. Die Weinberge liegen im kühlen Semigorye-Tal zwischen Anapa und Noworossijsk. Riesling und Cabernet Sauvignon sind die Zugpferde; insgesamt stehen knapp 50 Hektar unter Reben.

Besitzer Alexander Sikorsky orientiert sich offen am deutschen Riesling. Im Forbes-Ranking der besten russischen Weine landete Riesling Sikory 2023 auf Platz zwei, 2025 kam ein klassischer Riesling-Sekt nach 50 Monaten Hefelager hinzu. Riesling in allen Varianten – still, prickelnd, trocken, süß – ist die Visitenkarte des Hauses. Geführt wird „Sikory“ von einem Team, in dem zwei Önologinnen eine zentrale Rolle spielen – vielleicht ein Grund für die Feinheit der Weine.

Schumrinka

Ein anderes Gesicht der neuen Welle zeigt das Weingut „Shumrinka“ im Weindorf Gay-Kodzor. Hier steht ein Zelt mitten im Weinberg, 56 Hektar mit 17 Rebsorten sind bepflanzt. Neben internationalen Sorten wie Chardonnay, Riesling oder Pinot Noir wachsen die seltene serbische Palava und Malvasia, die zur Spezialität des Hauses geworden ist. Die Premium-Linie „Petrikor“ spielt mit dem Geruch feuchter Erde nach Regen; Malvasia Petrikor 2024 duftet nach weißen Hagebutten, der Pinot Noir 2023 nach roten Johannisbeeren – zugängliche, moderne Weine mit klarer Handschrift.

Tolstoi

Für viele Kenner gilt Alexey Tolstoy als einer der spannendsten Winzer Russlands. Er verantwortet die Weine von „Galitskiy & Galitskiy“ in einem der kühlsten Terroirs des Landes und gleichzeitig das kleine, nur fünf Hektar umfassende Gut in einem der heißesten. Der Vergleich im Glas zeigt, wie präzise er mit Klima und Boden spielt; sein Cabernet Sauvignon Reserve 2022 unfiltriert und in französischer wie kaukasischer Eiche gereift, ist ein Beispiel für die neue Ambition.

Der große russische Wein

Trotz vieler Erfolgsgeschichten bleibt die Lage fragil. Der Klimawandel macht auch vor Russland nicht halt: Milde Winter, Spätfröste, extreme Niederschläge und Trockenperioden beeinträchtigen die Arbeit im Weinberg. Hinzu kommen unsichere gesetzliche Rahmenbedingungen und steigende Steuern; ab 2026 sollen Mehrwertsteuer und Alkoholsteuer – besonders für Wein – erneut erhöht werden. Zugleich erschweren geopolitische Spannungen den Zugang zu Eichenfässern und Technik aus dem Ausland.

Und doch: 2023 besuchten bereits rund zwei Millionen Menschen russische Weingüter. Staatliche Förderprogramme und Initiativen wie „Der große russische Wein“ (nicht gefunden) helfen, Vorurteile ab- und Vertrauen aufzubauen. Die „neue Welle“ russischer Winzer zeigt, dass trotz aller Hindernisse eine eigenständige, qualitätsorientierte Weinkultur entsteht – am Schwarzen Meer, im Schatten des Kaukasus und jenseits alter Klischees.

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Als freie Journalistin und Reiseexpertin nehme ich meine Leserinnen und Leser mit auf kulinarische Entdeckungsreisen und berichte mit Leidenschaft über herausragendes Food, edle Weine, gehobene Hotellerie und die schönsten Reisedestinationen.