Wein vom Meer

Wein vom Meer

Pionierprojekt auf Usedom

Morgenlicht am Haff

Es ist noch kühl, der Wind trägt den Geruch von Salz und Schilf über die Felder. Das Stettiner Haff liegt wie ein glatter Spiegel, nur von ein paar Kräuselwellen durchzogen. Zwischen Endmoräne und Sandboden glänzen die Reben im ersten Licht. Wer hier am Feldrand steht, könnte glauben, er sei in Rheinhessen. Aber es ist Usedom – eine Insel, die man sonst mit Seebädern, Strandkörben und Hering assoziiert.

Christoph Kühne-Hellmessen schiebt seinen Strohhut in den Nacken, geht die Rebzeilen ab. „Hier hat keiner geglaubt, dass das funktioniert“, sagt er und bricht ein Blatt ab, reibt es zwischen den Fingern. Der Duft ist frisch, kräutrig, fast ein wenig nach Minze. „Aber genau das reizt mich: dort anzufangen, wo andere noch zweifeln.“

Vom Ätna an die Ostsee

Dass er überhaupt Winzer wurde, hat mit dem Ätna zu tun. Jahre lang pendelte er dorthin, baute Reben auf den Hängen des Vulkans, lebte zwischen Lavagestein und Olivenhainen. „Alle fünf Wochen war ich unten“, erzählt er. „Bis Corona kam. Plötzlich war Schluss. Keine Flüge mehr, keine Möglichkeit, die Reben zu sehen.“

Die Sehnsucht blieb. Also schaute er sich um – vor der Haustür. „Wenn es am Ätna geht, warum nicht auch hier?“, fragte er sich. 2021 steckte er die ersten Stöcke in den Boden, beraten von Kollegen aus dem Rheingau. Sie empfahlen breitere Pflanzabstände, weil die Küste feuchter ist, erklärten, welche Sorten sich lohnen könnten. Am Ende standen sieben PIWIs im Boden: Sauvignac, Muscaris, Solaris, Rinot, Ravel blanc, Soreli und Fleurtai.

„PIWIs sind die Zukunft“, sagt Kühne-Hellmessen. „Robust, widerstandsfähig, mit Charakter.“

Der Wein, der nach Meer riecht

Heute, im dritten Jahrgang, hängen die Trauben prall und golden. Bald beginnt die Lese, alles von Hand, die ganze Familie ist dabei. Danach die spontane Vergärung mit wilden Hefen, die Fässer im Keller, das Warten.

„Kühn & Hell“ heißt der Wein, und er schmeckt, als hätte er ein Stück Küste im Bauch. Blogger schreiben von „salziger Brise im Abgang“, Sommeliers vom „Frischekick nördlicher Nächte“. Im KaDeWe in Berlin gibt es ihn inzwischen auch – eine Flasche, die vom Ostseestrand in die Hauptstadt reist.

Die Menge ist klein: 3.000 Flaschen im ersten Jahr, 4.000 könnten es heuer werden. Aber das ist nicht der Punkt. „Mir geht’s nicht um Masse“, sagt Kühne-Hellmessen. „Ich will zeigen, dass es geht. Dass Wein auch hier Heimat finden kann.“

Die nördliche Zukunft

Usedom ist kein Einzelfall. In Schweden, Dänemark, sogar in Südengland entstehen neue Weinberge. Der Klimawandel schiebt die Grenze des Möglichen nach Norden. Während die Winzer in Süddeutschland mit Spätfrösten oder Dürre kämpfen, wird an der Ostsee eine neue Seite Weinbaugeschichte geschrieben.

Am Ende des Tages, wenn das Haff im Abendlicht glüht, steht Christoph Kühne-Hellmessen oft am Rand seiner Rebzeilen und schaut nach Westen. „Manchmal denke ich, das hier ist wie ein Experiment im Labor“, sagt er. „Nur dass man das Ergebnis trinken kann.“

Und dann lacht er, hebt eine Traube in die Luft, gegen den Himmel – als wollte er sich vergewissern, dass dieser Traum nicht doch ein bisschen verrückt ist.

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Seit 2000 bin ich mit dem Weinthema und der Weinszene verbunden. Ich agiere als Verleger, publiziere redaktionelle Beiträge und produziere Print- und digitale Weinmedien.